Beachten Sie die Polisario.




Re: Beachten Sie die Polisario.

Beitragvon Thomas » Di 6. Jun 2017, 15:26

Hallo Ihr Lieben,

auch ich finde den Bericht sehr interessant, wenn auch ich mich nicht unbedingt damit identifizieren kann.
Eine "Baya", also ein Versprechen auf alle Ewigkeit, als Grundlage/Rechtsanspruch der Zugehörigkeit der Westsahara zu Marokko zu machen, ist meiner Meinung nach weit hergeholt.

Wenn jemand ein "Versprechen auf alle Ewigkeit" oder "ewige Treue" gibt, so kann dies nur so lange gelten, wie die versprechende Person lebt und das Versprechen darf keine Gültigkeit/Verpflichtung/Bindung für dessen Nachfahren haben!
Wenn im Mittelalter die Stammesfürsten im Saharagebiet den marokkanischen Sultanen "ewige Treue" versprachen, dann kann man sich heute auch nicht unbedingt darauf berufen. Entscheidend ist das, was die heutigen Bewohner des Gebietes möchten, denn deren Interessen können ganz andere sein, als die von deren Vorfahren.


@Wolfgang,
gehe nicht davon aus, dass die Polisatio Waffen o.ä. in Sichtweite von Touristen verlädt.
Beste Grüße,

Thomas

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Thomas
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von Anzeige » Di 6. Jun 2017, 15:26

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Re: Beachten Sie die Polisario.

Beitragvon Akkal » Di 6. Jun 2017, 17:25

Vielen Dank für die Ausführung von Dr. Clemens Amelunxen. Ich finde es so gut und verständlich erklärt. Ich war in Dakhla in der marokkanischen Sahara, und glaube es hat eine Entwicklung stattgefunden. Ich frage mich , welche Alternativen zu der marokkanischen Regie in dem Gebiet stellen sich manche deutschen Politiker dort vor. Vielleicht ein zweites Lybien ?
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Re: Beachten Sie die Polisario.

Beitragvon Jürgen60 » Di 6. Jun 2017, 18:10

Hallo,

dass meine Kritik an einem aus meiner Sicht reißerischen Video (man versuche mal, auf einen Stehplatz in einem Fußballbundesligastadion zu kommen, da erlebt man deutlich mehr) zu einer solch vehementen Kommentierung führt, hätte ich nun nicht gedacht. Auch nicht, dass so wenig differenziert argumentiert wird. Mit billiger Polemik ist der Sache nicht gedient und hier meine ich insbesondere Wolfgangs Beitrag. Sein Welt-und Menschenbild teile ich in keiner Weise.

Zur Information anderer Reisender, die gerne mal unvoreingenommen an ihr Reiseland herangehen, möchte ich folgende Anmerkungen zum Westsaharakonflikt machen:

„Die wachsende politische Stärke der Frente Polisario zeigte die immer größere Schwierigkeit, die Westsahara unter spanischer Hoheit zu behalten. Nach und nach setzte sich die Idee durch, dass der Moment gekommen sei, eine Lösung zu finden, die die Erwartungen der Bevölkerung berücksichtigt. In diesem Kontext bat die UN-Generalversammlung den Internationalen Gerichtshof (IGH) um ein Gutachten, das klären sollte, ob die Westsahara im Moment der Kolonialisierung durch Spanien niemandem gehört hatte (terra nullius) und welche rechtlichen Bindungen es zwischen diesem Gebiet und dem Königreich Marokko sowie der sog. mauretanischen Einheit gab. Am 16. Oktober 1975 gab der IGH sein Gutachten öffentlich bekannt. In Bezug auf die erste der beiden Fragen stellte der Gerichtshof fest, dass die Westsahara bis zur Ankunft der Europäer 1884 keineswegs terra nullis gewesen sei, sondern dass das Gebiet von einer Bevölkerung bewohnt worden war, die zwar nomadisch lebte, aber dennoch sozial und politisch in Stämmen organisiert war und von Oberhäuptern repräsentiert wurde. In Bezug auf die zweite Frage erklärte man, dass das Material und die Informationen, die dem Gericht vorlagen, keine Beziehung von territorialer Souveränität zwischen dem Gebiet der Westsahara und dem Königreich Marokko oder der mauretanischen Einheit nachwiesen, sondern nur die eine oder andere Beziehung zwischen den Stämmen, die als Nomaden bis nach Marokko gekommen waren sowie ein paar Rechte Mauretaniens über sahrauische Weidezonen. Damit wies der Gerichtshof die marokkanischen und mauretanischen Ansprüche auf die Westsahara zurück und empfahl die Durchführung eines Referendums, um die Frage zu klären, ob die Sahrauis die Unabhängigkeit oder die Annexion zu Marokko oder Mauretanien wollten.

Ende November 1975 befanden sich zahlreiche sahrauische Städte unter marokkanischer Kontrolle, und die Gräueltaten der Invasoren wurden bekannt: Plünderungen, Brandstiftung, Massenfestnahmen, Folterungen, Morde, Vergewaltigungen. Zehntausende Sahrauis flohen ins Landesinnere in die von der Polisario kontrollierten Zonen. Der schwere Weg dorthin und die harten Bedingungen (Hitze, Wasser­ und Lebensmittelmangel, Krankheiten) kosteten viele das Leben.“

(aus der Publikation: „Westsaharakonflikt“, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Juni 2014)

Noch im Dezember 2016 stellte der Europäische Gerichtshof fest, dass die Westsahara nicht Teil Marokkos ist und damit das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Marokko nicht für dieses Gebiet anwendbar ist.

Soweit die Gerichte. Das inhaltlich interessante und informative Papier des deutschen Juristen Amelunxen von Anfang der 1990er Jahre ist ein Plädoyer für den Anschluss der Westsahara an Marokko, deshalb nicht neutral und entspricht auch nicht wissenschaftlichen Standards. Es macht aber gut die Argumentation der Marokkaner deutlich. Demgegenüber steht der Anspruch einer Volksgruppe auf Selbständigkeit. Auch hierfür gibt es gewichtige Argumente. Der IGH hat deshalb festgelegt, dass die Ureinwohner in einem Referendum entscheiden sollen. Warum nicht, frage ich mich? Was ist dagegen einzuwenden, wenn die Ureinwohner demokratisch gefragt werden, was sie denn möchten? Doch es dürfte auch auf der Hand liegen, wie sie sich entscheiden. Denn die Verbrechen (s. oben) der Marokkaner dürften sich tief in das kollektive Bewusstsein der Sahrauis eingebrannt haben. Denen, die in den Flüchtlingslagern unter harten Bedingungen in Algerien leben und denen, die im marokkanisch besetzten Teil der Westsahara deutlich schlechteren Lebensbedingungen ausgesetzt sind als die zugezogenen Marokkaner. Zudem ist die Menschenrechtslage in Marokko und dem von Marokko besetzten Teil der Westsahara auch nicht unbedingt die, die man beispielsweise als Bundesbürger für sich selber wünscht:

„Die Religions-, Meinungsäußerungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit sind in Marokko eingeschränkt: Kritiker/innen der Monarchie und des Islams sowie Aktivisten/-innen, welche sich für die Selbstbestimmung der Westsahara einsetzen, werden strafrechtlich verfolgt. Menschenrechtsaktivisten/-innen und Journalisten/-innen werden in ihrer Arbeit manchmal behindert und willkürlich verhaftet. Proteste werden bisweilen gewaltsam unterdrückt. Die Haftbedingungen sind schlecht und es gibt Berichte von Folter und Misshandlungen durch die Polizei und die Sicherheitskräfte. Die Gerichtsverfahren sind oft nicht fair und die Todesstrafe wird weiterhin verhängt. Die umstrittenen Antiterrorgesetze wurden 2015 weiter verschärft. Personen, die sich einer terroristischen Gruppe anschließen, können mit bis zu 10 Jahren Haft bestraft werden. Migranten/-innen, Flüchtlinge und Asylsuchende leiden unter Gewalt. NGOs wurde der Zugang zu Flüchtlingen an der Landesgrenze verweigert. Frauen werden durch Gesetze und in der Gesellschaft diskriminiert. Gerichte verurteilen nach wie vor Personen wegen homosexueller Handlungen. Es wird von Fällen von Kinder- und Zwangsarbeit berichtet.“
(Stand vom August 2016. Quellen: US State Dep., Amnesty International, Human Rights Watch)

Vor dreißig Jahren bin ich an meinem zweiten Tag in Marokko ausgeraubt worden. Sind deshalb alle Marokkaner Kriminelle, Mörder und Vergewaltiger? Ich habe seitdem ein faszinierendes Reiseland mit freundlichen und hilfsbereiten Menschen kennengelernt. Diese positiven Erfahrungen habe ich bei zahlreichen Reisen in Ländern mit vergleichsweise niedrigem Lebensstandard immer wieder gemacht. Gleichwohl verschließe ich nicht die Augen vor den Problemen dieser Reiseländer. Schwarz-Weiß-Malerei ist nicht mein Ding. Schon gar nicht die Vorverurteilung eines gesamten Volkes.

Allen (Sahara-)Reisenden eine gute Reise und vor allem eine gesunde Heimkehr!

Jürgen
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Re: Beachten Sie die Polisario.

Beitragvon Wolfgang » Di 6. Jun 2017, 21:19

Hallo Jürgen,

du hast schon recht, ein bisschen billige Polemik war das schon. Nur muss ich dir sagen, dass ich diese Umstände im Niemandsland vor kurzem gesehen habe. So etwas sinnloses habe ich einfach selten erlebt. Falls du schon einmal nach Mauretanien gefahren bist, kennst du den Weg durchs Niemandsland. Dort waren bis zum Bau der Straße unendlich viele Autowracks, Reifenberge und Müll. Die Marokkaner haben das weggeräumt und eine Straße, die auch dem eventuell einmal bestehenden Land Demokratische Arabische Republik Sahara nutzen wird, gebaut. Über diese Straße freut sich jeder, der in diese Richtung muss. Es ist nun mal der einzige Weg in Richtung Süden.

Auch ich freue mich über demokratische Verhältnisse und bin ein Feind von Ungerechtigkeiten. Das äußere ich auch dort, wo es für mich unangenehm werden kann, z.B. in Mauretanien. Nur habe ich in meinem Leben gelernt, dass jede Einmischung in fremde Länderangelegenheiten schlecht ist - siehe Iran, Libyen, Vietnam, Russland..., dabei kommt nichts Gutes raus. Um wieder zum Thema zu kommen: Die Welt dreht sich weiter und ist ständig im Wandel. Manchmal aus meiner Sicht gut, manchmal schlecht. Auf meinen Fahrten durch die Westsahara habe ich immer entspannte, fröhliche Menschen kennen gelernt. Diese Menschen waren sicher zum größten Teil keine Nomaden, haben aber dem Land denke ich keinen Schaden zugefügt. Auch habe ich eine Besserung der Verhältnisse (aus unserer Sicht) wahrnehmen können.

Was du über den geschichtlichen Werdegang schreibst ist sicher richtig, aber, wir leben nun mal nicht mehr im Jahr 1975. Marokko wird genauso eine für sie richtige Sicht der Dinge haben. Es wird nur dann funktionieren, wenn man eine gemeinsame Lösung sucht. Und da fehlt mir der Glaube an die Bereitschaft der Saharauis. Ich muss es einfach nochmal sagen: wer sich so verhält wie diese Leute, die ich auch gesehen habe, scheint mir nicht zu einer konstruktiven Lösung bereit zu sein. Es scheint mir eher so zu sein, dass der Staatsfeind Algerien die Situation ausnutzt, und die Saharauis mittels ihrer Obirgkeiten ausnutzen lassen; und das vielleicht gerne. Die Westsahara kommt so nicht mehr zurück; es muss ein neuer Weg gefunden werden. Ich möchte das ein bisschen mit der Situation DDR/BRD vergleichen: es gibt immer noch Leute, die weinen der DDR nach - sie kommt aber auch nicht mehr zurück.

Dann schreibst du noch: demgegenüber steht der Anspruch einer Volksgruppe auf Selbständigkeit. Wenn das alle Volksgruppen auf der Welt fordern würden - nicht auszudenken, was dann passiert.

Also, mach dir keine Sorgen über mein Welt-und Menschenbild, es ist besser, als du glaubst; und voreingenommen bin ich kein bissen, eher neugierig. Vor den Tatsachen sollte man dann aber auch nicht die Augen verschließen.
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Viele Grüße
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Re: Beachten Sie die Polisario.

Beitragvon Jürgen60 » Fr 9. Jun 2017, 14:50

Hallo Wolfgang,

vielen Dank für Deinen letzten Beitrag, der ja nun deutlich differenzierter daher kommt. Vielleicht haben wir doch mehr gemeinsam als von mir zunächst gedacht ...;))

Wenn man sich näher mit dem Volk der Sahrauis befasst, ist aus meiner Sicht die aktuelle Lebenssituation in den Flüchtlingslagern hochinteressant. Im Mai gab es in der Akademie der Wissenschaften und Künste in Düsseldorf die kleine, aber feine Ausstellung "Eine Nation im Werden - Architektur der Westsahara" von Prof. Manuel Herz. Diese zeigte, wie sich soziale und politische Strukturen in den Flüchtlingslagern in Algerien entwickelt haben. Prof. Herz schrieb:

"Anstatt die Lager der Sahrauis als räumliche Manifestation eines Ausnahmezustandes oder als den den räumlichen Notstand zu verstehen, müssen wir die urbanen Aktivitäten des Alltags beobachten, die sich in den Lagern abspielen und die maßgeblichen Anteil an der Raumproduktion haben:Wie wohnen die Sahrauis? Wo arbeiten sie? Wie bewegen sie sich durch die Lager? In welchen Räumen lernen und studieren sie? Welche Orte der Erholung und des Sports wurden geschaffen? Diese Räume des Alltags zeigen, wie das Flüchtlingslager als Feld des sozialen, kulturellen, ökonomischen und politischen Austauschs genutzt wird und so den Lagern eine städtische Qualität verleiht. Es zeigt uns einerseits die Bedeutung von 'Normalität' in einem anormalen Zustand, andererseits aber auch, wie diese Aktivitäten mit einer politischen Forderung nach der Rückkehr in die Heimat der Westsahara erfüllt sind. Die Sahrauis haben damit ein neuartiges Verständnis geschaffen, welche Rolle ein Flüchtlingslager spielen kann. Sie haben Flüchtlingslager proaktiv als Werkzeuge für soziale Emanzipation genutzt, und für eine Nation im Werden."

Vor drei Monaten lebte ich für eine Woche bei einer sahrauischen Familie im Flüchtlingslager Smara. Ich kann die von Prof. Herz gemachten Aussagen nur bestätigen.

Schauen wir mal, wie sich die Situation in der Westsahara unter dem neuen UN-Sonderbeauftragen, Ex-Bundespräsident Horst Köhler, entwickeln wird. Köhler ist ein Afrikakenner und wird von beiden Konfliktparteien akzeptiert. Hoffentlich bleibt es friedlich!

Gruß, Jürgen
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Re: Beachten Sie die Polisario.

Beitragvon Wolfgang » Fr 9. Jun 2017, 18:33

Hallo Jürgen,

das ist ja hochinteressant. Ich frage mich schon seit Jahren, wie es in diesen Flüchtlingslagern wohl aussehen wird und welche Strukturen dort herrschen. Arbeiten die Leute? und was und wo? Wie sieht die medizinische Versorgung aus? Wie ist das Seelenleben von Menschen, die seit Jahrzehnten nicht wissen wo sie hingehören? Was denken die Kinder/Jugendlichen über ihre Zukunft?

Vielleicht kannst du uns ja ein bisschen von deinem Aufenthalt erzählen?! Ich würde mich total freuen; auch über Fotos. Wie kommst du dazu dort hinzufahren? Wie bist du gereist?

Falls du es machst, dann schon mal Danke im Voraus :)
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Re: Beachten Sie die Polisario.

Beitragvon Jürgen60 » So 11. Jun 2017, 15:53

Hallo Wolfgang,

nach zweimaliger Teilnahme an einem Halbmarathon in Marrakesch (tolle Läufe unter Palmen mit Blick auf schneebedeckte Gipfel und einer super Stimmung) las ich in einem Reisemagazin vor zwei Jahren vom Saharamarathon im Rahmen eines humanitären Projektes in einem Flüchtlingslager. Ich habe mich informiert und gebucht über …

http://www.saharamarathon.org/

Wenngleich ich keine große Vorstellung hatte, was mich erwartet, war ich Ende Februar doch über die Verhältnisse im Flüchtlingslager Smara überrascht. Vielleicht auch, weil man, wenn man täglich die Elendsbilder aus Flüchtlingslagern im Fernsehen sieht, nicht mit den dortigen Lebensumständen rechnet. Selbstbewusst und gebildet war unsere Gastgeberin (Lehrerin, Monatseinkommen 30 Euro), ihr Mann arbeitet als Mechaniker in der Armee, die Kinder besuchen eine Schule (Schulpflicht, niedrige Analphabetenrate, insgesamt vergleichsweise hohes Bildungsniveau, da viele Sahrauis, die im Ausland studiert haben, in die Lager zurückkehren und mangels Beschäftigungsperspektive als Lehrer arbeiten). Insgesamt fiel mir die für ein islamisches Land starke Stellung der Frauen auf, die häufig gut organisiert sind und gesellschaftlich wichtige Positionen bekleiden. Dieser Umstand lässt sich sicherlich auch mit der historischen Situation erklären - während die Männer an der Front kämpften, mussten die Frauen das Lagerleben organisieren.

Einen guten ersten Einblick in die kulturellen und sozialen Aktivitäten in den Lagern in Verbindung mit touristischen Aktivitäten bietet der Bericht eines sahrauischen Journalisten:

http://www.fairunterwegs.org/news-medie ... henwuerde/

Der Saharamarathon (mit Teilläufen, die auch gewandert werden können) ist eingebettet in einen einwöchigen Aufenthalt mit einem Besuchsprogramm (u.a. Schulen, Kindergärten, Bibliothek), wobei aus meiner Sicht die einzige Schule für geistig Behinderte weltweit in einem Flüchtlingslager besonders bemerkenswert ist. Hier werden die Kinder und Jugendlichen zunächst an einfache Dinge des täglichen Lebens herangeführt (z. B. Körperpflege), später an einfache Arbeiten, für die sie entlohnt werden. Die Entlohnung ist zwar äußerst gering, trägt aber zum Familieneinkommen bei und damit auch zur Akzeptanz der Behinderten in ihren Familien. Zu viert waren wir in einem ca. 20-qm-Raum bei unserer Gastgeberin untergebracht und schliefen auf Matratzen. Die gesamte Verpflegung wurde im Sonderflug Madrid-Tindouf für die ca. 200 Läufer aus 20 Nationen mitgeführt, ebenso alle Materialien, die für den Lauf benötigt wurden und Hilfsgüter (insbesondere für Kinder und Schulen). Der Reisepreis betrug 1.000 Euro (Flug, Transport vor Ort, Besuchsprogramm, Verpflegung, Visa, Startgebühren, 50 Euro für soziale Projekte usw.). Im Lager selber gibt es dann mangels Geschäfte wenig Gelegenheit, Geld auszugeben.

Seit einem Jahr gibt es Strom im Lager (für die Infrastruktur sorgte Südafrika, den Strom bezahlt Algerien), aber es gibt nur wenige Lampen an und in den Gebäuden und Zelten und noch weniger elektrische Geräte. Erste kleine Elektrogeschäfte sind eröffnet und es gibt im sehr geringen Umfang Händler die Reiseandenken vertreiben, die oft aus Mauretanien stammen. Man kann in Euro bezahlen.

Auf die Ausstellung zur Architektur der Westsahara von Prof. Herz hatte ich ja schon aufmerksam gemacht, hier ein Link zu einem Vortrag von ihm:

https://www.youtube.com/watch?v=BCdDuOOKlks

Bilder kann ich selber nicht beifügen, aber es lässt sich im Internet prima danach googeln. Auch auf der Seite des Laufveranstalters (s.o.) wird man fündig.

Noch ein Wort zur Sicherheit: Ich hatte nie das Gefühl, gefährdet zu sein. Im Gegenteil: Die Sicherheit der Besucher hat oberste Priorität. Die Nachbarschaften (Barrios) sind im Lager für die Sicherheit verantwortlich und jeden Abend kam jemand vorbei um durchzuzählen. Insgesamt rund 400 Läufer nehmen an den vier verschiedenen Läufen teil, beim Marathon und Halbmarathon sind es jeweils ca. 80-90 Läufer, da kann es schon mal einsam in der Wüste werden. Da denke ich etwa an eine Schwedin, die angesichts der Streckenverhältnisse am Start des Marathons beschloss, zu wandern und nach 7,5 Std. ins Ziel kam. Man ist aber niemals ganz alleine, denn alle 2-3 km gibt es Verpflegungsstellen und es sind ständig Geländewagen im Einsatz, von denen aus das auseinandergezogene Läuferfeld beobachtet wird und entkräftete Läufer/Wanderer auch mitgenommen werden.

Viele Grüße
Jürgen
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Re: Beachten Sie die Polisario.

Beitragvon Thomas » So 11. Jun 2017, 21:04

@Jürgen,

sehr interessant!


@Wolfgang,

Wenn es diesen Staat wirklich gäbe, frage ich mich, warum man im Niemandsland nicht einmal "Ordnung" geschaffen hat?


Genau das ist ja nicht so einfach, da sie bei allem was sie tun wollen von den marokkanischen Besatzern daran gehindert werden.




und all der Dreck, den Leute verursachen, die anstatt zu arbeiten lieber mit einem Gewehr in der Hand herumstehen und nichts machen (außer Frauen vergewaltigen und morden).


Hast Du mordende Leute mit Gewehren in der Hand gesehen?



....standen sie wie Idioten vor einer Steinmauer und haben auf mich geschaut.


Waren das Polisario-Kämpfer oder marokkanische Soldaten oder gar nur Bewohner der Westsahara?
Beste Grüße,

Thomas

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Re: Beachten Sie die Polisario.

Beitragvon Wolfgang » Di 13. Jun 2017, 22:59

Hallo Jürgen,

vielen Dank für deine Infos und Respekt vor deiner Leistung! Wer die Wüste kennt weiß, was ein Marathon dort bedeutet oder bedeuten könnte (für den, der noch nie eine solche Anstrengung gemacht hat).

Meine Neugier hat mich mittlerweile zu einigen interessanten Artikeln gebracht:
https://www.nzz.ch/jahrzehntelanges-war ... 1.18263419
https://www.nzz.ch/langes-warten-auf-ei ... 1.18071986

Wenn man sich das alles so durchliest, ist das schon tragisch für diese Menschen. Allerdings, wie ich ja schon angemerkt habe, lässt sich die Uhr nicht zurück drehen. Ich sehe leider für diese Leute keine große Chance, einen eigenen Staat zu bekommen. Naja, vielleicht klappts ja doch noch irgendwie. Allerdings wird Marokko wohl kaum die reichen Fischgründe, also den Küstenstreifen, "rausrücken".

Weißt du, welchen Pass die Sahraouis haben? Irgendwie müssen die Menschen die im Ausland waren ja ausreisen und wieder einreisen?

Weiß jemand, wie man auf dem Landweg in das Gebiet der Sahraouis (östlich des Sandwalls) kommt?

Hallo Thomas,

es lies sich schwer erkennen, ob die Herren hinter den Steinmauern Waffen hatten. Auf meinen Fotos kann ich keine sehen. Ich konnte aber auch nicht so auffällig fotografieren und musste zudem noch auf die schlechte Piste schauen und Auto fahren.
Zu deiner Frage ob das Polisario-Kämpfer waren: Ich habe sie nicht gefragt! Marokkaner waren es wohl sicher keine; und wenn, dann wüßte ich nicht, warum sie dort sein sollten. Bewohner der Westsahara schienen es auch nicht gewesen zu sein. Es waren Leute mit Uniformen, die man in Afrika öfters trifft. Wer sonst als die Polisario hätte es sein können? Hast du einen Verdacht?
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Viele Grüße
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Re: Beachten Sie die Polisario.

Beitragvon Thomas » Mi 14. Jun 2017, 06:28

Hallo Wolfgang,

die Polisario agiert meist (aus Angst vor dem marok. Militär) nur in sehr angelegenen Gebieten, wo kaum ein Tourist hinkommt.
Deswegen war der Vorfall der unser polnischer Freund Andre erlebte ja auch so bemerkenswert, weil selten.
Ich glaube also nicht, dass es Polisariosoldaten waren, die Ihr gesehen habt.
Uniformen haben in Marokko viele Menschen, sogar die Türsteher von öffentlichen Gebäuden sind Soldaten und haben braune Uniformen.
Ist schwer zu erraten wer das war aber wahrscheinlich doch ehr marokkanische Offizielle.
Zuletzt geändert von Thomas am Mi 14. Jun 2017, 10:30, insgesamt 1-mal geändert.
Beste Grüße,

Thomas

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