1.1.2012
Silvester in Chegaga. Seit Jahren veranstalten meine Freunde von Sahara Services dort eine große Party. Wenn ich auch nicht unbedingt ein Freund von so was bin, so wollte ich mir das doch mal anschauen, um darüber berichten zu können. Es hieß teilweise, dass bis zu 200 Leute dort sein werden und mir graute davor. Zur Sicherheit brachte ich eine Flasche Sekt aus Deutschland mit, der Plan war, um Mitternacht allein auf einer Düne zu sitzen und mit mir anzustoßen.
Zwei Tage vorher kam ein englisches Wohnmobil in die Kasbah, sie wollten evtl. eine Wüstentour buchen. An Bord nicht die typischen Rentner, sondern 5 junge Engländer, darunter zwei Schotten und ein in Südafrika geborener. Zu allem Überfluss hatte der eine Schotte Roma - Vorfahren, war also absolut nicht so, wie ich mir den typischen Schotten vorstelle. Der andere schon eher mit seiner blassen Haut und den hellroten Harren, Gordon McDermot hieß er. Alle zwischen 25 und 30, also ein richtig knackiges Alter. Wir verstanden uns schon an dem Abend prächtig. Ich konnte sie überzeugen, dass es sinnvoll wäre, zwei Nächte in der Wüste zu schlafen und somit die Party mitzumachen.
Am nächsten Abend kamen zwei junge Spanierinnen. Allerdings hören sie das nicht gern, sie bezeichnen sich lieber als Kataloninnen. Und sie sprachen perfekt englisch, was ja selten in Spanien ist. Die eine war Englischlehrerin für Grundschule und Kindergarten und meinte, dass sich das in Zukunft ändern wird, Englisch wird jetzt überall gelehrt. Auch das zwei süße junge Mädchen. Ich konnte auch die davon überzeugen, dass sie die Party mitmachen, was nicht geplant war. Da sie schon früher als ich aufbrachen wies ich sie gleich auf die netten Engländer hin.
Es kam also der Silvestermorgen. Die Mädels und viele andere brachen zunächst mit Kamelen auf, obwohl man Chegaga so natürlich nicht in einem Tag erreicht. Sie sollten später von Geländewagen aufgelesen werden. Ein Wohnmobil aus Hamburg kam angefahren, besetzt mit Mutter, Tochter und zwei Hunden. Die hatte ich schon vorher auf dem Camping Caravan Carrefour kennengelernt. Ich konnte auch sie von der Silvesterparty überzeugen. Abdou muss langsam mal Provision zahlen. Am Nachmittag fuhren wir also mit Abdou in seinem Pickup los.
Abdou hat an den Dünen von Chegaga zwei Camps, ein normales mit Berberzelten und einfachem Sanitärblock und eines mit weißen Zelten, die alle noch ein Babyzelt hinten dran haben mit Bad: Chemieklo, Waschbecken, heiße Dusche. Und Licht. Man glaubts kaum. Breites Doppelbett für mich und Ali. Die Hamburger und ich waren in diesem Luxuscamp, die jungen Leute leider nicht. Eine große Bühne war aufgebaut, DJ, Discobeleuchtung, alles da. Der ganze Platz und die umliegenden Dünen waren von Kerzen besetzt, eine traumhafte Kulisse. So wunderschön. Eine Folkloregruppe spielte zum Auftakt, das Feuer wärmte uns. Und dann kamen sie angebraust, die Geländewagen. Alle Gäste vom anderen Camp. Dem Billigcamp. Genial. So brauchte man nur an einem Platz Musik zu machen und alle konnten zusammen feiern. Laut Abdou waren es 80 Personen zum Essen, mir kam es aber nicht so voll vor, es ist ja auch viel Raum.
Aber natürlich zuerst die Begrüßung mit meinen englischen Jungs und den spanischen Mädels, die längst zusammen gefunden hatten. Wir blieben den ganzen Abend zusammen, es war einfach eine unglaubliche Stimmung. Den Schotten konnte ich zunächst überhaupt nicht verstehen mit seinem Slang, aber im Laufe des Abends habe ich mich daran gewöhnt. Und wie wir dann so schön im Zelt saßen, kam ein weiß Gekleideter von der zweiten Folkloregruppe und zog mich mit den beiden Mädels hoch zum Tanzen. Also wer mich kennt, der weiß, wie ungewöhnlich das ist, niemals tanze ich, niemals mache ich was mit. Und ich warf alles über Bord und war locker und vergnügt. Danach legte dann der DJ heiße Platten auf und alle tanzten, auch ich. Die ganze Nacht.
Nein, nicht die ganze. Denn es gab ja auch Essen. Zwei ganze Lämmer wurden gebraten, Mechoui. Dazu gabs Couscous. Die Engländer hatten einen unglaublichen Vorrat an Alkohol, den sie immer nur heimlich nachfüllten. Davon allerdings auch Abdou anboten, und wahrscheinlich gar nicht merkten, dass er ja der Boss von allem ist. Aber Abdou ist da nicht so streng, wenn man auch alles kaufen kann, so hat er doch nichts dagegen, wenn man etwas mitbringt.
Um 23 Uhr kam Hassan, um mir einen Kuss zu geben und Bonne Année zu wünschen. Denn in Deutschland war es ja soweit. Er kündigte aber gleich an, dass er um Mitternacht noch einmal kommen würde. Hassan ist der allerbeste und lustigste Chauffeur, der für Abdou arbeitet und die meisten, die schon Touren bei mir gebucht haben, kennen und schätzen ihn.
Dann aber leuchteten viele Kerzen auf den Dünen in dem Schriftzug 2012. Mitternacht war gekommen. Was dann folgte war einfach unbeschreiblich. Hassan war natürlich der erste, aber danach wurde so viel geküsst und gedrückt wie in meinem ganzen Leben noch nicht. In diesem bunt gewürfelten, internationalen Häufchen wollte jeder jeden umarmen und küssen.
Das schönste an dieser ganzen Nacht war eigentlich die Stimmung. Es war „Eine Welt“, die da gefeiert hat. Menschen von so vielen unterschiedlichen Nationen und alle freundlich und ausgelassen, und keiner maßlos betrunken. Und meine Sektflasche habe ich natürlich mit vielen teilen müssen/dürfen.
Als ich am nächsten Morgen mit meinem siebener Grüppchen zusammen saß, um uns zu verabschieden, wurde genau dies betont, jeder empfand gleich. So schön die Location war, das eigentliche machten die Menschen aus. Abdou hat eine perfekte Organisation, einen perfekten Rahmen geliefert, aber der eigentliche Erfolg des Festes kam von den Teilnehmern selbst.
Ich würde im nächsten Jahr gerne wieder dabei sein!
http://youtu.be/zeMDVuDu28Y

