Tanger Med ist für Marokko eines der wichtigsten Prestigeprojekte. Der neue Containerhafen im Norden des Landes soll sich zu einem Drehkreuz für den internationalen Schiffverkehr entwickeln. Aber wer steckt hinter dem gigantischen Vorhaben?
“Gott, Vaterland und König” – den Schriftzug, der auf einem Berg über dem Containerhafen Tanger Med prangt, sollte man aus dem Weltall lesen können. Darunter, am Terminal des deutschen Betreibers Eurogate, herrscht lebhafter Betrieb. Auch am Samstag führen die Ladekräne ihr symmetrisches Ballett auf. Ein ohrenbetäubendes Warngeräusch erklingt, wenn die Kolosse sich bewegen, um vor einem anlegenden Containerfrachter in Position zu gehen.
Der Kranführer lädt einen Maersk-Container auf – “im Hamburger Hafen geht das schneller”, fachsimpelt ein deutscher Transportexperte vor Ort, “dort nutzt man noch den Schwung des Containers aus der Luft und setzt ihn in einer Bewegung auf die Leitstifte”.
Abgesehen davon stimmt das Tempo in Tanger Med. Es ist der stahlgewordene Traum der marokkanischen Industrialisierung: Der Warenumschlag ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 2011 um 82 Prozent gewachsen – das klingt phantastisch, allerdings besteht der größte afrikanische Tiefwasserhafen erst seit 2008. Viele Terminals wurden erst vor kurzer Zeit eröffnet. Eine Autobahn führt zu dem Hafen – 2014 wollen Renault und Nissan dort ein Autowerk eröffnen. Für Marokkos Monarchie ist Tanger Med ein Prestigeprojekt – aber das Geld kommt vornehmlich von Investoren, die an ihre Rendite glauben.
Hub für afrikanische Häfen
Der Erfolg hat viele Väter – ein sehr bedeutender darunter ist Taoufik Ben Gebara, Chef der Investmentbank Blue Ocean Group und einer der Köpfe des Tanger Med Piloting Committee. Über Jahre versuchte Ben Gebara, Investoren in seine Heimatstadt zu holen. “Eurogate zu überzeugen, war schwer, aber wir haben es geschafft, dass sowohl Eurogate als auch der Betreiber MSC Tanger Med nun in ihre globale Strategie einbinden”, sagt Ben Gebara. Das Vertrauen der beiden Riesen und der Europäischen Investitionsbank, die jeweils über hundert Millionen Euro investierten, lockt nun auch andere – aber über laufende Verhandlungen will Ben Gebara nicht sprechen.
Der Banker, der mehrere Jahre in Frankreich und Spanien lebte, ist ein Sohn Tangers und hat sich an einem Hanggrundstück eine Villa mit Blick über die Stadt gebaut. Noch arbeiten darin Maurer und Zimmerleute, einen provisorischen Swimmingpool gibt es schon, in dem die sechsjährigen Zwillinge planschen. Kein Protzbunker wie die der stadtbekannten Drogenbarone, die nun in Immobilien machen. Elegantes arabisch-mediterranes Understatement soll das Haus einmal demonstrieren. In Ben Gebaras Wohnzimmer steht das Modell eines Frachters aus den fünfziger Jahren, denn von seinen Vorfahren fuhren einige zur See.
“Ich glaube, dass die Straße von Gibraltar 2020 ebenso viel Schiffsverkehr bekommt wie die Straße von Malakka in Südostasien”, sagt er. Tanger werde das Tor zu Afrika und ein Hub für afrikanische und europäische Häfen. Die Zukunftsaussichten bestätigen auch unabhängige Stimmen: “Ich glaube, dass die großen Transportfirmen das Mittelmeer als einen Teich sehen und langfristig zwei Hubs einrichten werden: einen im äußersten Westen und einen im Osten. Von dort werden die Waren auf kleine Zubringer verladen.”
“Tanger ist eine mythische Stadt”
So spricht ein Logistikmanager, der anonym bleiben will, da seine Firma auch in konkurrierende Häfen investiert. Fürchten muss sich derzeit vor allem der spanische Containerhafen Algeciras, bislang hat das Wachstum des Containertransports die Konkurrenz allerdings noch abgefedert.
“Echte Konkurrenten sind vielleicht Barcelona, Las Palmas und Dakar”, sagt Ben Gebara. Das Geschäft werde noch besser laufen, wenn das rohstoffreiche Algerien, das viele Industriegüter importiert, über Tanger seinen Atlantikhandel abwickeln würde. Eine Schwäche von Tanger Med seien allerdings noch vergleichbar hohe Energiekosten – Solar- und Windkraftwerke in Nordafrika wären da eine attraktive Quelle.
Auf die Frage, was er als nächstes anstoßen wolle, gibt sich Ben Gebara staatsmännisch: Mit dem Team seiner Investmentbank wolle er erreichen, dass Marokko in der internationalen Gemeinschaft aufrückt und den Menschen der Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung nicht verwehrt bleibe. Und natürlich wolle die Blue Ocean Group, die Projekte in Infrastruktur, Verkehr und Hafenbau finanziert, den westafrikanischen Markt ausbauen: “Eine Milliarde Konsumenten bis zum Jahr 2030″ freut sich Ben Gebara.
Obwohl Tanger Med über 20 Kilometer von Tanger entfernt liegt, spüre man jetzt schon, wie sich das Publikum der Geschäftsleute und Touristen verändert: “Tanger ist eine mythische Stadt”, sagt der Endvierziger mit ein bisschen Nostalgie in der Stimme, “der internationale Treffpunkt der Ganoven, Agenten und Spione. Und etwas von diesem Charme möchten wir uns durchaus noch erhalten.”
Quelle: “zenith-BusinessReport”.
