Habe gerade meinen alten Reisebericht gefunden, der ja nach Einbruch des Forums weg war. Stelle ihn wieder rein.
24.4.2010
Mundraub ist kein Verbrechen, oder? Zwischen Völlerei und Hungerkur
Samstag früh kam ich in Marrakech an mit Ryan Air, wurde bereits am Airport erwartet und bekam ein Auto. Zunächst ging es nach Ounara bei Essaouira. Dort lebt der Deutsche Günther Schulz mit seiner Frau. Der Archäologe ist erst vor einem Jahr übergesiedelt und führt Wissenschaftler, aber auch Touristen auf einsamen Wüstenpisten zu geologisch interessanten Stellen. Ich hatte mich zum Mittagessen angesagt und Günther hatte persönlich ein Tajine „Quer durch den Garten“ zubereitet. Statt dem versprochenen Kamelfleisch musste ich aber mit Rind vorlieb nehmen, da auf dem großen Wochenmarkt von Had Dra kein gutes Kamelfleisch angeboten worden war. Es war total lecker und Günther bestand damit die Aufnahmeprüfung als Marokkaner, alle Gedanken an eine Diät wurden erstmal zurück geschoben, wie konnte ich auch wissen, dass dies am Abend unfreiwillig verwirklicht werden sollte. Günther lebt in einem schönen Haus mit großem Garten, wenn er nicht gerade in der Westsahara unterwegs ist und betätigt sich auch als Gärtner.
Am Nachmittag ging es weiter, denn ich hatte mich bei Christian angesagt. Camper kennen Christian bereits, denn er hatte den Campingplatz in Ounara als einer der ersten in Marokko mit europäischem Standard aufgebaut, d.h. mit sauberen und funktionierenden Sanitäranlagen. Nach gesundheitlichen Problemen hat er den Platz verkauft und ein neues Projekt an der Küste begonnen, weil er die kühlere Meeresluft besser verträgt. Christian empfing mich freundlich und wies mir einen Bungalow zu. Er hat ein großes Gelände am Strand, in der Nähe gibt es nur ein paar Fischerhütten, aber kein Dorf oder Laden. Und von der Asphaltstrasse sind es noch 1 km Piste, aber die hat es in sich. Die Piste liegt so tief, dass sie stellenweise mit Wasser bedeckt ist, nichts für meinen Mitsubishi Lancer, aber es gab eine sandige Ausweichpiste. Mein Wagen schaffte es gerade so. Christian fragte mich, was ich zu Abend essen wolle, und in Anbetracht des üppigen Tajine am Mittag bat ich ihn um ein Omelette, das mir um 19 Uhr zum Bungalow gebracht werden sollte. Zum Platz gehört auch ein Restaurant, ich wollte mir dort eine Cola kaufen, aber es hieß, es gibt keine Cola. Auch sonst nichts. Naja, um 19 Uhr soll ja mein Omelette kommen, da ist sicher Wasser dabei. Es wurde 19.30 Uhr, es wurde 20 Uhr, nichts. Die anderen Gäste fingen an, ihre mitgebrachten Sachen zu grillen, Christian war spurlos verschwunden. Auch kein Personal zu finden. Um 20.30 Uhr war ich so hungrig und durstig, im Camp gibt es vom Wasserhahn nur salziges Wasser, dass ich die Küche durchsuchte. Zu trinken fand ich nichts, aber eine Plastiktüte mit Brot fürs Frühstück, und im Kühlschrank eine offene Schachtel mit Käse. Mundraub ist doch wohl erlaubt, oder? Aber immer noch nichts zu trinken. Ich öffnete in meiner Not die Whiskeyflasche aus dem Duty Free Shop, aber ich kann euch sagen, bei Durst schmeckt das überhaupt nicht.
25.4.
Am nächsten Morgen war ich früh wach, alles schlief noch. Also hinterließ ich für Christian, der nicht mehr aufgetaucht war, eine Nachricht und fuhr davon. Aber nur bis zu den ziemlich verlassen ausschauenden Fischerhütten, dann steckte der Wagen im Sand fest. Vor und zurück, Sand geschaufelt, nichts. Eine Meute wilder Hunde um mich herum konnte mir auch nicht helfen. Bei den Hütten fand ich endlich zwei Männer, Stadtbewohner, die am Wochenende zum Fischen kommen. Mit vereinten Kräften schafften wir es und ich konnte in Essaouira endlich ein gutes Frühstück genießen.
Allerdings gingen die Essensprobleme am Abend weiter. Ich war in der Auberge Tasra im Fischerdorf Imsouane, sie gehört einem netten Marokkaner, der in Deutschland arbeitet. Ich wurde zum Übernachten eingeladen und man wollte wissen, was ich zum Abendessen wünschte. Ich wählte Kefta, Hackfleischbällchen in Tomatensoße, da ich keinen Fisch esse. Das sagte ich aber niemand. Mein Hunger war groß, das Mittagessen war ausgefallen und endlich kam der dampfende Tajinetopf mit dem spitzen Deckel auf den Tisch. Das Wasser lief mir im Mund zusammen – bis der Deckel geöffnet wurde. Oh Schreck, statt der Kefta war es eine Fischtajine mit lauter Leckereien aus dem Meer einschließlich Langusten. Jeder wäre entzückt gewesen, nur ich nicht. Der Koch hatte eigenmächtig entschieden, dass er mir die Spezialität des Hauses serviert.
27.4.
Marokkanische Augenwäsche
Auf meinem Weg durch Tiznit wurde ich von einem jungen Mann angesprochen, der für einen Silberschmied arbeitet. Wir plauderten, er zeigte mir die Sehenswürdigkeiten und dann erzählte er von Lalla Fatma. Sie wohnt in einer engen Medinagasse und ist in ganz Marokko bekannt. Sogar Auslandsmarokkaner kommen in ihrem Urlaub vorbei, um sich von ihr die Augen waschen zu lassen.
Das erweckt Neugier. Mein Führer Lahsen versprach, dass ich nicht nur zuschauen, sondern auch Fotos machen kann. Wir klopften also an die Haustür und wurden in den Behandlungsraum geführt. Zwei Hocker standen einander gegenüber. Lahcen nahm Platz, Fatma setzte sich vor ihn und spülte zunächst ihren Mund mit einer Desinfektionslösung aus. Dann nahm sie seinen Kopf in die Hände und leckte mit ihrer Zunge die Augenhöhle aus. Unglaublich, was sie damit für einen Schmutz rausholte. Erst nach dem drittenmal fand die Zunge keinen Dreck mehr.
Ich war sprachlos. Doch nun sollte ich an die Reihe kommen. Es hat schon Überwindung gekostet, aber ich habe mich getraut. Noch viel mehr Dreck kam da zum Vorschein, richtig dicke Brocken. Eine solche Reinigung wird einmal pro Jahr empfohlen. Ich zahlte für uns beide 30 DH (3 Euro), sie war zufrieden.
28.4.
Heute fühlte ich mich in meine Jugend zurückversetzt. Ich wollte ins Nid d’Aigle, eine Auberge mit Gleitschirmstation, die dem Franzosen Francois gehört. Francois ist ein ganz cooler Typ, Alt-Hippy mit seinen 50 Jahren, gekleidet in Lederhose und Lederweste über blanker, behaarter Brust, und natürlich tätowiert und gepierct. Bei ihm geht es total leger zu. Zwar sind die originellen Zimmerchen in übers Gelände verstreuten Hütten und Türmchen nett eingerichtet und piccobello sauber, aber die Türen sind offen und Francois sagte einfach, schau dir alles an und such dir ein Zimmer aus. Dort hat er selbst aus dicken Baumstämmen Etagenbetten gebaut, sehr urig. Die Zimmer haben kein Licht, nur Kerzen, obwohl es Solarstrom gibt. Mehrere Betten mit einfachen Matratzen, Wolldecken und Kissen, das reicht. Zu dem meisten Häuschen gehört dann noch eine Sanitäreinrichtung mit Dusche und WC.
Das Haus liegt wirklich wie ein Adlernest in luftiger Höhe, direkt davor ist der Startplatz fürs Gleitschirmfliegen vor einem furchterregenden Abhang, Francois betreibt die Auberge hauptsächlich für Gleitschirmflieger und gibt auch Unterricht. Außer mir war noch ein junger Schweizer da und wir genossen den Abend bei einer Flasche Rotwein vor der untergehenden Sonne. An dem Abend war kein Arbeiten angesagt. Francois zog an seiner Haschischzigarrette, holte sein Gitarre raus und spielte Rock der 80er, und zum Abendessen legte er mir zuliebe seine alten Platten aus, ich war auf einmal wieder in meine Jugend zurückversetzt. Auch auf den ersten Marokkoreisen ging es so unkompliziert und frei zu, das ist lange vorbei, heute gibt es meist nur gepflegte französische Gastlichkeit. Ich dagegen fands einfach super bei Francois und wäre gerne länger geblieben. Auch wenn seine drei Schäferhunde gerne mal auf dem Tisch liegen.
30.4.
Heute hatte ich ein Erlebnis, das mir wichtig genug ist, um es hier im Forum zu schreiben. Ich war in Tafraoute, um mir die Campingplätze anzusehen. Bei dem Camping Trois Palmier gibt es die Möglichkeit, auch draußen vor der Mauer zu stehen, eine kleine Tür führt zum Campingplatz. Aber dieser Standplatz draußen ist nicht ummauert und gehört zum Palmenhain von Tafraoute, der öffentlich zugänglich ist. Ich sah ein deutsches Wohnmobil, da gehe ich immer gern mal vorbei und grüße die Leute. Es handelte sich um zwei Frauen, super nett, wir plauderten ein wenig. Gebildete Frauen. Sie waren schon vier Monate in Marokko und zeigen durchaus Interesse für das Land.
Aber sie verbrachten ihre Tage in einem winzigen Bikini, waren auch schon sehr braun gebrannt, vor ihrem Wohnmobil sitzend unter den Augen von jedem Einwohner, der dort vorbei kam. Nicht auf dem geschützten Campingplatz.
Das geht einfach nicht. Das zeigt einen solchen Mangel an Respekt für das Gastland, da kann ich jeden Marokkaner verstehen, der gegen Wohnmobile hetzt. Bitte, bitte tut das nicht. Zeigt Verständnis und Respekt für die fremden Sitten. Eine fast nackte Frau in der Öffentlichkeit einem kleinen islamischen Ort.
11.4.2011
Übrigens war ich die Tage in Essaouzira und sah eine kleine Gruppe von Franzosen Richtung Campingplatz laufen, in der Stadt. Der eine Mann trug eine Shorts und sonst nichts. Und sein Oberkörper war nicht gerade sehensweret. Was für ein Affront für die Menschen hier!

