Folgenden Reisebericht bekam ich von dem Ehepaar Beck zur Veröffentlichung, die eine von mir organisierte Reise durch Marokko gemacht haben. Sie wollen nicht selbst im Forum posten, aber der Bericht ist sicher für alle interessant. Demnächst folgen noch Fotos.
MAROKKO MAI 2011
Marhaba, willkommen im Land voller Farben und Gerüche.
Ankunft in Marrakech nach einem Flug ohne Komplikationen. Abgeholt wurden wir von zwei freundlichen Mitarbeitern von Sahara Services, die uns zum Riad Aladdin brachten. Dieses Haus für die erste Nacht lag genau an den Mauern vom El Badi Palast. Die Störche waren direkt vor unserer Nase. Durch eine kerzengerade Soukgasse wagten wir unseren ersten Spaziergang Richtung Place Djamaa el-Fna. Doch seltsam, keiner bedrängte uns, keiner wollte uns was verkaufen, niemand wollte uns den Weg zeigen und das nach all den vielen Warnungen und Horrorgeschichten, die wir zu Hause gehört und gelesen hatten. Ganz plötzlich lag er vor uns, der legendäre Platz der Gehängten. Treff von Gauklern und Händlern, Touristen und Einheimischen. Am späten Abend wurde er von den Düften von gegarten oder gegrillten Meeresfrüchten, Hähnchen und Hammelfleisch durchzogen. Ohne Probleme fanden wir wieder den Weg zurück.
Marrakech – Fes über Meknes
EINE ÜBERRASCHENDE LANDSCHAFT
Wecker 6.30. Zum Frühstück viele gute Sachen. Dreierlei Gebäck, Orangenscheiben mit Zimt, Joghurt, Marmelade, Honig, Toast und eine Art Griesbrei, dazu leckeren Orangensaft. Auf der Autobahn vorbei an Casablanca und Rabat fuhren wir durch fruchtbares Land mit viel Korn, Kartoffeln, Mais, Gemüse und dazwischen immer wieder leuchtend grüne Felder mit Minze und Luzerne. Es blühte auch noch sehr viel am Wegesrand. Weite Mohnfelder mit gelben und weißen Blumen, Oleander, Hibiskus, Ginster und riesige Rizinusbüsche. Vor Meknes, an einem Rastplatz mit vielen Garküchen, wurde eine kurze Mittagspause eingelegt. Wir waren noch satt vom Frühstück, aber von der Ziegentajine von Rabii, unserem Fahrer, haben wir trotzdem ein wenig probiert. Nach einem erfrischenden Tee mit Minze ging die Fahrt weiter Richtung Meknes. Wieder war die Landschaft für uns eine Überraschung. Viele Eukalyptusbäume, Sträucher und Bäume von Tamarisken und Steineichen. Keine Exotik weit und breit. In Meknes besichtigten wir das Mausoleum Moulay Ismails, der im 17. Jahrhundert die Stadt zur Hauptstadt machte. 30 000 Sklaven errichteten Paläste, Mauern und Stadttore. Er regierte Marokko als Despot, war Herr über 600 Frauen, zahllose Kinder und besaß 12 000 vollblütige Araberpferde. Am Bab el Mansour, mit den herrlichen Keramikfliesen, verjagte ein freundlicher Polizist einen Autofahrer, damit wir ein perfektes Foto schießen konnten. Noch einen Blick auf die Palastanlagen der Ville imperial und weiter ging es Richtung Fes, vorbei an alten Olivenbäumen und Weingärten. Und dann plötzlich liegt uns Fes zu Füßen. Vom Borj Nord hatten wir einen grandiosen Überblick auf die Stadt. Wir fuhren mit dem Auto kreuz und quer durch die engen Gassen. Plötzlich blieb unser Fahrer an einem kleinen Platz stehen und telefonierte. Nach kurzer Zeit kam ein Mann, beide schnappten sich unsere Taschen und los ging es. Erst durch die linke enge Gasse, dann rechts, danach wieder links und nochmals links und nach dem letzten Mal rechts, standen wir vor unserem absoluten Traum-Riad Yamanda. In diesem wunderschön ausgestatteten Haus, mit Blick über die Medina, saßen wir am Abend zu zweit allein, bei schöner Musik, Tajine mit Lamm, vorher fünf verschiedene Vorspeisen und danach Obst.
So du lebst in Fes, wirst du anderswo vergeblich die Herrlichkeit dieses Lebens suchen. arabischer Vers
Fes
ÄLTESTE KÖNIGSSTADT, STADT DES ISLAM, DER GELEHRTEN, DER KÜNSTLER UND HANDWERKER.
Gut gefrühstückt, wieder mit unzähligen Schüsselchen, erwarteten wir unseren Führer, der uns die Kulturhöhepunkte der Stadt zeigen und erklären sollte. Den Souk wollten wir dann am Nachmittag alleine erkunden. Wir hatten nicht nur den schönsten Führer, wie uns ein Fischverkäufer zurief, sondern auch einen gut deutsch sprechenden, kompetenten Mann, der sich nach unseren Wünschen richtete. Wir sahen die Meisterstücke maurischer Baukunst in den Medersen, filigran gekachelte Waschbrunnen, Überreste einer Wasseruhr, die darauf wartet, dass die Menschen ebensoviel Findigkeit wie vor 500 Jahren beweisen, um ihre Mechanik wieder herzustellen. Auch die mittelalterlichen Methoden der Fellgerber wurden bewundert. Bei einem Teppichhändler erfuhren wir die verschiedenen Bedeutungen der Farben und Muster. Es war auch sehr interessant, dass es Teppiche gibt, die gewebt, geknüpft und gestickt werden. Nachdem klar war, dass zu unseren bayrischen Fleckerlteppichen wirklich kein marokkanischer passt, plauderten wir noch lange und tranken Tee. Gut erholt genossen wir noch weiter die ganze Pracht des merinidischen Kunsthandwerks und liefen durch ein Labyrint aus tausend Gassen und Heiligtümern mit grünen Ziegeldächern. Die alten, unrestaurierten Karawansereien gefielen uns besonders gut. Sie waren dann der Schluss der Führung. In einem traditionellen Haus aßen wir typische Blätterteigtaschen mit Huhn. Danach brachte uns der Führer wieder zum Riad zurück. Nach einer verdienten Pause wagten wir uns nochmals in den Souk, tauchten ein in das Reich der Brokatweber, Tischler, Hennaverkäufer, Wollfärber und Kupferschmiede. Liesen uns von der Flut der Menschen in weiten Kaftans und den typischen Lederbabuschen immer weitertreiben. Trotz der Enge strahlt Fes eine Gelassenheit aus und die Menschen waren alle sehr freundlich. Wir schauten einem Bäcker bei der Arbeit zu und durften in eine Koranschule für Kinder blicken. Und zu unserer eigenen Überraschung fanden wir wieder nach Hause. Wäre auch Schade gewesen wenn nicht, denn es gab Zitronenhuhn.
Fes - Merzouga
MIT 100 SACHEN DURCH DEN MITTLEREN ATLAS
Auf guten Strassen über große Hochplateaus mit Feldern von gelbem Anis, rotem Mohn und vielen Blumenkissen in blau. Durch Luftkurorte, moderne Ferienanlagen in einer Höhe von 1600-2000 Meter, vorbei an Seen und uralten Zedernbäumen durch das grüne Herz Marokkos. Am Straßenrand standen immer wieder Honigverkäufer. Wir sahen bizarr geformte Felswände wie Tempelbauten und im Norden die schneebedeckte Kette des hohen Atlas. An einer großen Aussichtsplattform hatten wir einen unbeschreiblichen Blick auf die vielen Palmen, die sich wie ein grünes Band durch das Zitztal schlängeln. Das Tafilalet ist ein großes, zusammenhängendes Oasengebiet und Herkunftsregion der herrschenden Alaouiten Dynastie. Kurz vor Erfoud hielten wir bei einem Fossilienwerk. Die Gegend ist bekannt für über 400 Millionen Jahre alter Fossilien, Ammoniten und Seelilien, gefunden in einem alten versteinerten Korallenriff. Bei Rissani besuchten wir das Mausoleum von Ali Cherif, den Stammvater der Alaouiten. An alten Ksour vorbei, führte uns der weitere Weg direkt nach Merzouga in die schöne Kasbah Mohayut.
Merzouga
SANDSTURM – WINDSTILLE – SANDSTURM
In dieser wunderbar gelegenen Kasbah, direkt an den großen Sanddünen der größten Wüste der Welt von etwa 12 Millionen Quadratkilometern, wollten wir einen Ruhetag verbringen. Es gab einen schönen Pool und gemütliche Ecken zum ausruhen. Von der Terrasse hatte man einen fantastischen Blick. Es wurde sehr, sehr windig am Vormittag und erst am Nachmittag konnten wir einen Spaziergang zu den Dünen wagen, bei Affenhitze und völliger Windstille. Doch plötzlich, wie aus dem Nichts näherte sich eine gelbgraue Wand und im Nu gab es Sturm, die Luft war voller Sand und die Sicht gleich Null. Also zurück ins Zimmer. Das war also wirklich ein Ruhetag. Die lustigen Bedienungen in blauer Gandora und Chech servierten uns am Abend bei traditioneller Musik ein traditionelles Menü.
Merzouga – Tamtattouchte
REGEN IN DER SAHARA
Heute Frühstück das erste Mal nicht im Freien, es regnet und alle sind begeistert. Unsere Fahrt ging weiter, vorbei an Foggaras, den unterirdischen Wasserstollen, in Richtung Tinerhir. Ein kurzer Abstecher führte in den Ksar El Khorbat. Bei diesem Rundgang bekam man eine ungefähre Vorstellung, wie die Leute früher gelebt hatten. Durch die von Hauptgassen abgehenden Nebengassen gelangte man zu den räumlich voneinander getrennten Clans. Durch niedrige Türen kam man in die kühlen, dreistöckigen Lehmhäuser der Familien. Wir nähern uns Tinerhir. Die hier heimischen Berber leben noch immer vom traditionellen Feldbau in der größten Flussoase des Landes. Kurz vor der Todraschlucht stiegen wir aus und wanderten ein Stück zwischen den schroffen braunen Felsen. Diese sind mehrere 100 Meter hoch. An der engsten Stelle ist die Schlucht nur 10 Meter breit. Neben der Straße plätscherte das Wasser des Oued Todra, der die Dattelpalmen und Mandelbaumfelder bewässerte. Außerdem wuchsen noch Granatäpfel und Feigenbäume, Pflaumen-, Aprikosen- und Pfirsichbäume. Gemüse, Minze und viele Kürbisse. Es war wie im Paradies. Das Wetter ist wieder schön, aber sehr windig. Unser Ziel ist Les Amis, eine gemütliche Auberge in einem kleinen Bergdorf. Bei Mohammed fühlten wir uns sofort wohl und wir wären gerne länger an diesem familiären Ort geblieben. Die Zeit reichte noch für einen kleinen Spaziergang durch den Ort Tamtattouchte. Überall freundliche Leute, uralte verfallene Kasbahs und das erste Mal bettelnde Kinder. Un Dirham, un Bonbon, un Stilo. Nachdem es nichts zu holen gab, zog die Horde wieder ab. Am Abend kochte Mohammed extra für uns Fleischspieß mit belgischen Fritten. Anschließend gab es noch interessante und lange Gespräche über gesunde Kräuter, über die Gegend und über alles Mögliche.
Tamtattouchte
DAS LEBEN IM DORF
Von unserem Fenster aus konnten wir das Leben einer Berberfamilie beobachten. Die Frauen brachten ihre Kinder zur Schule, am Rückweg pflückten sie Kräuter vom Wegrand. Danach wurde die Wäsche zum Waschen sortiert. Ein älterer Mann saß den ganzen Tag an seinem Feldrand und verjagte Vögel. Oft kamen andere Männer vorbei, dann redeten und lachten sie viel. Wir besuchten die Wäscherinnen am Fluss und ich half ein wenig beim waschen und bürsten. Die Berberfrauen fielen fast ins Wasser, so haben sie gelacht. Immer am Fluss entlang wanderten wir weiter, vorbei an den vielen grünen Felder. Alle Frauen waren damit beschäftigt Futter zuholen. Hoch bepackt auf dem Esel oder Muli zogen sie an uns vorbei. Alle winkten und wünschten uns bonjour. Es war eine so friedliche Stille und die Luft war erfüllt vom Duft nach Minze und Kräutern. Am Rückweg besuchten wir noch die Schule, trafen einen Kesselflicker, der mit seinem Zelt von Dorf zu Dorf zog und wurden von einem alten Berber zu einem Tee eingeladen. Leider konnten wir die Einladung nicht annehmen, da Mohammed schon einen kleinen Lunch für uns vorbereitet hatte. Es gab Berberomlette mit vielen Kräutern. Auch sein furchtbar bitterer Tee hat unseren etwas angeschlagenen Magen wieder in Ordnung gebracht. Am Nachmittag wurde der Hausberg bestiegen. Inzwischen betrug die Temperatur angenehme 18-20 Grad. Die Berbermänner zogen alle ihre Winterkleidung an und liefen nur noch mit Kapuze herum. In den Bergen hatte es geschneit. Les Amis liegt auf 1750 Meter. Der Pass, den wir morgen fahren wollen ist 2680 Meter hoch.
Dadestal
KASBASH , SCHLUCHTEN UND OASEN
Wegen der letzten Schnee- und Regenfälle rät Mohammed, die geplante Passüberquerung nicht zu riskieren. Also die Todraschlucht wieder zurück und hinauf ins Dadestal. Das hat auch einen Vorteil, denn von zwei Seiten sieht die Gegend immer etwas anders aus. Als grünes Band wand sich der Dades durch den hohen Atlas. Vorbei an vielen Kasbahs, die wie Schlösser in einer Mondlandschaft lagen und an Felsformationen mit den Namen Affenpfoten, kamen wir schon bald in unser Hotel la Kasbah de la Vallée an. Dieses lag wunderbar zwischen steilen Felswänden. Also schnell ins Zimmer, Gepäck abladen und zurück zum Auto und weiter ging es. Der Ausblick in die canyonartige Schlucht war überwältigend. In halsbrecherischen Haarnadelkurven schraubte sich die Straße den Berg hinauf. Rabii fuhr immer höher, auf einen Pass und wir hatten eine grandiose Sicht auf ein Bergpanorama, das uns stark an den mittleren Westen der USA erinnerte. Nach einem Photostopp mit Teepause beim Cafe Timzzillite ging es zurück zum Hotel. Der bestellte Bergführer für eine Wanderung war pünktlich um 15 Uhr zur Stelle. Der Regen leider auch. Wir warteten bis der Regen nachließ, dann ging es über einen halben Baumstamm balancierend auf die andere Seite des Flusses. Eine bizarre Schlucht mit vielen ausgewaschenen Felsen öffnete sich uns. Man konnte die enorme Kraft des Wassers erkennen. Nach einigen Kletterpartien und weiteren kleineren Regengüssen, die uns aber nicht störten, drängte aber unser Wanderführer zum Rückweg. Am Fluss angekommen, wussten wir warum. Bis zu unserem Baumstamm war der Wasserpegel schon gestiegen. Eine Stunde später hätten wir schwimmen müssen.
Dadestal – Agdz
IN DEN WILDEN DJEBEL SARHRO
Durch eine unwirkliche Region mit Steinwüsten, Plateaubergen, grandiosen Aussichtspunkten, blühende Sträucher, schwarzes Gestein, vielen Bergblumen und dazwischen einsame Nomadenzelte. Unserem Fahrer wurde alles abverlangt und ab da nannten wir Rabii nur noch Schuhmacher. Für die 90 Kilometer brauchten wir einen guten halben Tag und manche unserer Wirbel sitzen bestimmt nicht mehr da wo sie hingehören. Natürlich hielten wir immer wieder an um zu fotografieren. Auch für eine kleine Wanderung reichte die Zeit, dabei entdeckten wir eine blaue Agame. Oben auf dem Tizi n Tazazert, in 2200 Meter Höhe, machten wir eine Teepause. Ein kleines Mädchen bearbeitete den Tisch mit soviel Wasser und Gründlichkeit, dass er zum Teetrinken nicht mehr zu gebrauchen war, also setzten wir uns einfach woanders hin. Dem Mädchen, es war vielleicht vier oder fünf Jahre alt, schenkten wir zum Abschied für ihre Mühe ein paar Haarspangen. Nie werden wir die strahlenden Augen vergessen. Einer kranken Berberfrau überließen wir noch einige Aspirin, dann ging es weiter, meist bergab. Vorbei an dem Doppelgipfel Babn Ali, mit einem geologischen Alter von 300 Millionen Jahren, wand sich die Strasse Richtung Nekob. Diese Landschaft war der absolute Höhepunkt unserer Reise. Irgendwann kam uns bei diesen engen Kurven ein LKW entgegen. Bei diesem Manöver in steiler Wand machte ich einfach die Augen zu. In Nekob gönnten wir uns und besonders unserem Fahrer eine längere Pause in einer schönen Anlage mit Blick auf viele Palmen. Danach fuhren wir weiter auf guter Straße bis Agdz, in die herrliche Kasbah Azul. Vor dem Abendessen konnten wir noch einen längeren Spaziergang durch den großen, schönen Palmengarten unternehmen.
Agdz - Mhamid
DURCH DAS DRATAL ZUM ENDE DER WELT
Auf einer Nebenstrecke fuhr uns Rabii zur Kasbah Tamnaugalt mit ihrer interessanten Geschichte. Bei einem Rundgang durch den Ksar waren wir froh, das Reisehandbuch von Edith Kohlbach gründlich studiert zu haben. Die empfohlene Taschenlampe konnten wir sehr gut gebrauchen. Nächster Stopp war Zagora, einst Haltepunkt für Karawanen mit Elfenbein, Gold, Salz und Sklaven. Natürlich fotografierten wir das Schild 52 Tage nach Timbuktu. In Tamgroute dann ein großer Souk, der noch sehr ursprünglich war. Außerdem besichtigten wir den Ort mit seinen Töpferwaren und das Grabmal Sidi Mhamid ben Nassir, dessen Besuch eine Fahrt nach Mekka ersetzt. Leider war die wertvolle Bibliothek geschlossen. In Mhamid, einst wichtiges Karawanenzentrum, war unser nächstes Quartier die Kasbah Sahara Services. Das einstige Tor zur Wüste liegt jetzt, durch politische Ereignisse, am Ende der Welt. Wie schon die meiste Zeit, waren wir wieder alleine in der Anlage. Trotzdem wurden wir mit einem reichlichen und gutem Abendessen verwöhnt. Ein bisschen Huhn bekam auch die Katzenmutter ab. Zum Schluss erlebten wir noch einen schönen Sonnenuntergang.
Mhamid - Erg Chegaga
RALLEY PARIS - DAKAR
Rabii ist krank – Zahnweh. Seit Tagen hatten wir ihn mit Ibuprofen gefüttert, aber jetzt half nichts mehr, der Zahn musste raus. Er macht mit uns noch eine kleine Fahrt durch das Dorf, die Oasen und versteckten Kasbahs. Dann kam die große Verabschiedung von einem sehr netten, sensiblen jungen Mann, der sich selbst die deutsche Sprache beigebracht hat und fahrtechnisch einmalig war. Wieder kam ein kleiner Sandsturm, also ab in die Koje, schließlich hatten wir ja Urlaub. Ab Mittag wurde es etwas besser. Nach der Frage der Abfahrt hieß es, bald geht es los, ungefähr zwischen eins und zwei Uhr. Wir setzten uns in den Schatten und warteten. Jeder der Berber, der vorbeikam, brachte seine paar Wörter deutsch an „Geht’s gut“ oder „alles Klar“ usw. Jeder kam mindestens fünf bis zehnmal vorbei, aber nachdem es immer heißer wurde, war plötzlich niemand mehr zu sehen, also ab in die Koje. Am späten Nachmittag gingen wir mal wieder raus und trafen Abdul, unseren neuen Fahrer. „Abfahrt four zero zero“ sagte er, dann ist es nicht mehr so heiß. Da hatte er Recht. Und er war wirklich pünktlich. Die Fahrt, zuerst durch Stein- und dann durch Sandwüste war ziemlich holprig, aber problemlos. Es war eine Teilstrecke der Ralley Paris- Dakar. An einer heiligen Quelle hielten wir kurz an um zu fotografieren. „Mach mal ein Foto von mir und Fatima“ meinte Abdul. Mit Fatima meinte er mich. Da wusste ich, der restliche Urlaub wird bestimmt lustig. Nach Sandebenen, Kiesflächen und niedrigen Dünen tauchte schließlich das gelbe Dünenmeer des Erg Chegaga am Horizont auf. Im Biwak wurden wir schon erwartet. Hassan kümmerte sich sehr um unser Wohl. Bei einem Spaziergang durch die Dünen sahen wir Spuren von Käfern, Springmäusen und Eidechsen. Nach einem tollen Sonnenuntergang setzten wir uns auf die bereitgelegten Matratzen vor unserem Häuschen und genossen den Tee. Kurz vor einundzwanzig Uhr begannen sich die Sterne zu zeigen. Hassan brachte uns Kissen und wir machten es uns gemütlich. Der Sternenhimmel war unbeschreiblich. Tausendundein Stern funkelte über uns. Wir sahen drei Sputniks und zwei Kometen, davon einen ziemlich lange. Kurz vor zehn brachte Hassan ein leckeres Menü, das wir dann ganz alleine, bei Kerzenlicht, mitten in der Sahara genossen. Die Situation war für uns so unwirklich und grotesk, dass wir wie auf Kommando einen fürchterlichen Lachkrampf bekamen. Später kam Abdul um gute Nacht zu sagen. An diesen unwirklichen Abend, die sternenklare Nacht und an diese ohrenbetäubende Stille werden wir uns immer erinnern.
Chegaga - Icht
ZURÜCK IN DIE ZIVILISATION
Beinahe den Sonnenaufgang verpasst und trotz Sandkissen gut geschlafen. Eine Katze begrüßte uns von der hohen Düne. Die hat keine Probleme ihr Geschäft zu vergraben. Sand ohne Ende. Für die Weiterfahrt nahmen wir einen Nomaden mit, der plötzlich aus dem Nichts auftauchte. Über den ausgetrockneten Iriki Salzsee ging die Fahrt ziemlich flott. Plötzlich ein Stopp im Nirgendwo. Unser Nomade wusste eine Stelle, die voller Fossilien war. Da lagen Schnecken, Wirbeltiere, Calimari und unbekanntes in großen Mengen. Im Foum Zguid verließ uns unser Mitfahrer und wir fuhren auf guter Strasse weiter. In Tissint ein kurzer Stopp bei den Kaskaden, dort waren Frauen beim Wäschewaschen. Vorbei an bizarren Kegelbergen gelangten wir nach Icht. Diese neue Anlage Borj Biramane ist sehr empfehlenswert. Kleine Häuschen, nett eingerichtet, die erste Klimaanlage, die wirklich funktioniert, und ein Whirlpool mit Beleuchtung in einer sehr schönen Gegend. Das Essen war besonders gut. Harira, Couscous mit Schaf und einen wunderbaren Kokoskuchen. Ein marokkanischer Rosewein machte das Menü perfekt.
Icht - Tafraoute
DIE STADT DER SCHUHE
Frühstück mit Crepes. Durch ein wunderschönes Tal mit Arganienbäumen und Palmen fuhren wir durch das Oud Tamanar Richtung Igmir. Am Anfang, gleich nach Ait Herbil, fand Abdul die Felsgravuren, die Paul in Icht beschrieben hatte. Gazellen und Bison waren deutlich zu sehen. In der versteckten Oase Igmir tranken wir Tee und fuhren weiter auf der neuen, etwas verbreiterten Kiesstrasse den Pass hinauf. Die Fahrt bis Izerbi war immer gut beschildert und problemlos zu fahren. Auf dem Weg nach Tafraoute sahen wir uns noch die buntbemalten Granitsteine des belgischen Malers an, der dafür 20 000 Kilo Farbe brauchte. Unsere Unterkunft für zwei Nächte war das Hotel Salama. Es lag sehr zentral und bei einem kleinen Spaziergang rund ums Haus sahen wir viele Geschäfte mit Schuhen in allen Farben. Diese Babuschen waren hinten geschlossen und die Einheimischen hatten fast alle diese Schuhe an. Heute gab es Essen a la Carte. Wir wählten Zitronenhuhn. Nach dieser Nacht musste ich feststellen, dass eine Sache in Frau Kohlbachs Buch richtig gestellt werden müsste. Bei der Hotelbeschreibung hieß es, im Hotel Salam ist es nachts etwas laut wegen der Hunde, die die ganze Nacht bellen. Einer der Frösche klang zwar ähnlich wie ein Hund, aber gegen dieses Froschkonzert die ganze Nacht, hatte Hundegebell keine Chance.
Tafraoute
ÜBERRASCHENDE ERLEBNISSE
Heute großer Souk im Ort. Also früh raus aus den Federn. Zum Markttag waren die Berber aus den umliegenden Dörfern zusammen gekommen und nutzen die Gelegenheit zum Plaudern und Lachen. Frauen verkauften flatternde Hühner. Aus den Bergen kamen Männer in Chelabas mit Kapuzen auf dem Kopf und verkauften Schafe und Ziegen. Es gab viele Arganprodukte, Gemüse, Obst, Haushaltswaren und Gewürze. Am interessantesten aber waren die Menschen. Um zehn Uhr begann unsere Tour durch das Tal der Ammeln. Die vielen kleinen Dörfer schienen mit den Bergen verwachsen zu sein. Ihre kubusförmigen Häuser wirkten wie aus den Felsen geschlagen. Es ging weiter Richtung Igherm zu der beeindruckenden Speicherburg Tasguent. Mit 200 Aufbewahrungsorten in sieben Etagen, mit fünf Innenhöfen und einer Zisterne. In einem Fach liegen Hölzer, auf denen das 1000 Jahre alte Gewohnheitsrecht der Berber aufgezeichnet wurde. Doch um in diesen schönen Agadir zu gelangen, durften wir uns erst einmal in orientalischer Geduld üben. Der erste Berber, der uns begleitete, hatte leider nur einen Schlüssel für sein Fach im Inneren. Nach einiger Zeit und zwei bettelnden Kinder kam später ein zweiter Berber den Berg herauf gerannt, telefonierte mehrmals mit seinem Handy (wahrscheinlich war unten kein Empfang ), rannte wieder mit seinen Babuschen den steinigen Weg hinunter und verschwand mit Abdul und unserem Auto. Es dauerte keine halbe Stunde und sie waren zu dritt zurück. Der Neue war Hassan, nur er hat den Schlüssel. Nach der interessanten Führung bekamen wir von Hassan eine Einladung zum Tee. Also alle Mann ins Auto und in das nächste Dorf. Dort wurde gerade Korn gedroschen. Ein Traktor fuhr immer im Kreis über die Ähren und die Männer wendeten das Stroh mit Heugabeln. Sie freuten sich, dass mein Mann sich als Helfer anbot, dabei wurde es sehr lustig. Danach gingen wir alle ins Haus, wo Hassan uns mit vielen Leckereien bewirtete. Das frische Brot schmeckte besonders gut. Und erstmalig sahen wir, wie man richtig Tee zubereitet. Hassan war auch schon in Mekka, davon zeugten die Wandteppiche und eine Urkunde. Sehr herzlich wurden wir verabschiedet und ich bekam zur Erinnerung noch eine Halskette aus Arganiennüssen geschenkt. Auf den Weg zurück hatten wir wieder einen Mitfahrer, Hassans Sohn fuhr mit uns nach Tafraoute. Er wollte uns aber vorher eine alte Kasbah zeigen. Es war Tizourgane, die auf einer Bergkuppe thront. Nach dem Rundgang fuhren wir nach Oumesnat und besichtigten das kleine Museum. Zurück in Tafraoute war nichts mehr vom Markt zusehen, verschwunden wie eine Fata Morgana.
Tafraoute - Taroudannt
IM ZAUBER EINES MAROKKANISCHEN PALASTES
Es regnete, also wurde die ursprüngliche Route über Tanalt und Targha Touchka gestrichen. Wir fuhren über Ait Baha die kürzeste Strecke zu unserem Ziel. Entlang am Oued Ait Baha zog sich eine wunderschöne Bergstrasse am Anti Atlas entlang. Dieser Gebirgszug ist der niedrigste und gehört zur afrikanischen Kontinentalplatte. Bald nach Ait Baha begannen die Obstplantagen. Kilometerlange Mandarinenbäume bis Taroudannt. Diese Stadt ist das Zentrum des fruchtbaren Sous Tales. Eine acht Meter hohe Lehmmauer aus dem 16. Jahrhundert umgab die Stadt. Darin integriert befand sich zwischen Palmen-, Orangen- und Bananenbäumen unsere heutige Unterkunft, das Palais Salam. Wir bekamen ein großes, wunderschönes Zimmer im alten Teil des Palastes und fühlten uns wie die Fürsten. Mit einer Kutsche fuhren wir in die Stadt. Durch den arabischen Souk und den Berber Souk ging es zu den Färbern. Danach auf den großen Platz mit vielen, vielen Menschen, mit Musikern, Märchenerzählern und Wasserverkäufern. An diesen Abend waren wir nicht alleine im schönen Palast Salam. Marokkanische Geschäftsleute, französische Touristen und eine deutsche Studiosus Gruppe aßen mit uns Suppe oder Farfalle, Seezunge oder Huhn.
Taroudannt - Marrakech
TAG DER SOMMERBLUMEN
Bei etwas Regen am Morgen begann die Fahrt, vorbei an Arganienwäldern und Korkeichen, Richtung Tiz n Test. Riesige Flächen waren bedeckt von lila Blumen. Überall blühte es. Dann wurde die Landschaft karger. Eine spektakuläre Strasse führte uns Richtung Gipfel des Tizi n Test. Bei la belle Vue stiegen wir aus und bewunderten die tolle Aussicht. Es war saukalt und windig. Wir befanden uns ca. 2000 Meter über dem Meeresspiegel. Auf dem weiteren Weg nach Marrakech wurden wir zweimal kurz wegen Erdrutsch und Steinschlag aufgehalten. Überall gab es Zuschauer bei den Aufräumarbeiten mit den großen Schaufelbaggern. An den reißenden Flüssen mit gewaltigen Wassermengen standen viele Schaulustige. Nach der Moschee Tin Mal, kurz vor Asni, mussten wir einmal eine Furt mit viel Wasser überqueren. Danach ging es durch fruchtbare Gegend mit vielen Obstplantagen direkt nach Marrakech. Dort waren wir wieder in unserem sehr zentral gelegenen Riad Aladdin untergebracht. Am Nachmittag besuchten wir zuerst die nahe gelegenen Saadiergräber. Mit den märchenhaften Reichtümern aus Timbuktu wurde diese Grabstätte erbaut. So wunderschön sind ihre Kunstschätze, dass diese Ruhestätte nie zerstört wurde. Unser nächstes Ziel war das Tor Bab Agnaou, von dort sahen wir auch das siebenundsiebzig Meter hohe Minarett. Es ist das Wahrzeichen der Stadt und nur der beste Muezzin des Landes ruft von hier zum Gebet. Von da ging es zum Bahia Palast, genannt der strahlend Schöne. Er wurde jahrzehntelang nur von den besten Handwerkern des Landes bearbeitet. Die Wände waren flächendeckend verziert. Im unteren Bereich mit filigranen Mosaiken, es folgt ein kaligraphisches Band. Der mittlere Teil ist mit Stuckornamenten bedeckt, den Abschluss bildet kunstvoll geschnitztes Zedernholz. Nach dieser Besichtigung landeten wir wieder auf unserem Platz der Lampenmacher. Dort hatten wir schon einen Stammplatz für unsere Tee- und Essenspausen. Da gab es alle Köstlichkeiten der marokkanischen Küche. Couscous, Kebap, Fisch und vor allem Tajine, einen leckeren Eintopf. Kaum erblickte uns der junge Mann, richtete er die Stühle, wischte den Tisch und begrüßte uns überschwänglich. Von unserem Tisch aus konnten wir stundenlang das Treiben auf diesem Platz beobachten. Nachmittags saßen nur die alten Männer auf den Bänken, doch gegen Abend kamen die Mütter mit ihren vielen Kindern und bevölkerten den ganzen Platz. Der Platz der Gehenkten war unser letztes Ziel für diesen Tag. Wir nahmen Platz in einem der vielen Terrassencafes und genossen das Spektakel von oben. Wieder wimmelte es von Menschen. Zwischendrin all die Wahrsager, Schlangenbeschwörer, Affenbändiger, Zahnausreißer und die Gnaoua Musiker. Alles wurde in mildes Abendlicht getaucht, es war ein Gefühl wie tausendundeine Nacht.
Marrakech
KULTUR UND BLÜTENPRACHT
Grau und kühl empfängt uns der Morgen. Die Verkäufer im Souk hatten noch keine Lust uns anzusprechen. Unsere Tour begann bei dem kleinen, aber feinen Museum Dar Bellari. Dort befinden sich wunderschön bestickte Kaftans, alte Parfümfläschchen, Schuhmacherwerkzeug und vieles mehr. Danach besuchten wir die Medersa Ben Yussef, die Bedeutenste des gesamten Maghrebs. Bis zu 900 Studenten wurden hier unterrichtet. Das sehr interessante Museum Marrakech war die nächste Station. Dort wurden unter anderen alte Keramikgegenstände und viel schöner Schmuck ausgestellt. Auch schön verzierte Dolche und Säbel gab es zu bestaunen. Der Palast alleine ist schon sehenswert. Noch ein letzter Blick auf die Koubba Almoravide und wir konnten die Kultur abhacken. Bei der Ben Yussef Moschee kamen wir am ältesten Hamman der Stadt vorbei. Es würde mich schon interessieren, warum der Eintritt für Männer 10 Dirham und für Frauen 20 Dirham kostet. Nun gönnten wir uns eine Ruhepause, in dem wir uns mit dem roten Marrakech- Tour- Doppeldecker durch die Stadt fahren ließen. Dadurch bekamen wir auch etwas von der Neustadt mit. Entlang breiter Prachtstrassen, noblen Hotels, schönen Wohnhäusern, vorbei am Golfplatz und großen Einkaufszentren führte uns die Tour. Zurück ging es dann durch den grünen Gürtel der Palmeraie. Zwischendrin stiegen wir aus und erkundeten den zauberhaften Majorelle Garten. Er ist eine Symphonie aus Farben und Blumen, exotischen Pflanzen, Vogelgesang und Wasserspielen. Den letzten Abend wollten wir eigentlich in die Kosy Bar, die in allen Reiseführern erwähnt wurde. Nach einem Blick auf die Speisekarte sahen wir uns an, drehten uns um und gingen wieder zu unserem Stammrestaurant, wo wir gleich freudig begrüßt wurden. Sushi und ähnliches essen wir zwar sehr gerne, aber nicht hier. Die Tajine schmeckte uns wieder wunderbar. Den restlichen Abend verbrachten wir auf unserer Dachterrasse, mit Storchengeklapper, Sonnenuntergang und dem monotonen Rufen des Muezzins. Allah u akbar!
Marrakech
LETZTER TAG
Es war packen angesagt. Das geht am Ende einer Reise immer ziemlich schnell. Einfach alles in die Tasche stopfen. Noch hatten wir etwas Zeit, denn der Flug war erst am Nachmittag. Also noch ein letztes Mal auf den Platz, einen letzten Spaziergang durch den Souk und ein letztes mal einen frisch gepressten Orangensaft. Pünktlich wurden wir abgeholt und zum Flughafen gebracht. Damit war unsere lang erwartete Traumreise leider zu Ende.
Für diesen wunderschönen und abwechslungsreichen Urlaub bedanken wir uns ganz herzlich bei Edith Kohlbach und Sahara Services. Die Organisation war perfekt. Auch die beiden Fahrer verdienen ein Lob. Ihr Fahrzeug beherrschten sie in jeder noch so brenzligen Situation. Außerdem lernten wir durch sie die ganze arabische Hitparade kennen. Am Schluss konnten wir schon mitsingen.
Wir kommen wieder. Insch `Allah
Es braucht nicht viel, um die Geheimnisse Marokkos zu entdecken. Gelassenheit, Geduld, Aufgeschlossenheit und ein Lächeln genügen.

